Abschlussberichte der drei Mainzer Schulen

Berichte von 02/2011 bis 06/2011.

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Hier finden Sie die Abschlussberichte zur Schulintegration an der Feldbergschule, der Leibnitzschule und der Ludwig-Schwamb-Schule. Die Berichte beziehen sich auf dem Zeitraum vom 02/2011 bis zum 06/2011. 

Alle drei Texte wurden mit der Zustimmung und in inhaltlicher Zusammenarbeit mit den jeweiligen Klassenlehrerinnen verfasst.

Die Namen der Kinder wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen abgekürzt.

 

Abschlussberichte der Schulintegration an der Feldbergschule, der Leibnizschule und der Ludwig-schwamb-Schule

 

1. B., Schüler der Feldbergschule

B. (7 Jahre) zeigte zu Beginn der Schulintegrationshilfe eine gering ausgeprägte Konzentrationsfähigkeit, sowie Defizite im sprachlichen Bereich.  Dadurch verpasste er oft wichtige Informationen und Erklärungen der Klassenlehrerin, welche ihm dann bei neuen Aufgabenstellungen und der Anwendung von Unterrichtsinhalten fehlten. Er wies zudem eine geringe Frustrationstoleranz und ein niedriges Selbstwertgefühl auf, was sich nicht etwa in Aggressivität, sondern vielmehr in Resignation zeigte. Er neigte dazu aufzugeben, sobald er sich mit einer Aufgabenstellung überfordert fühlte. Wenn er keinen Erfolg sah, war er schnell demotiviert. In diesen Situationen stellte die Schulintegrationshilfe eine große individuelle Unterstützungsmaßnahme für ihn dar.  Mit einem erhöhten Maß an Motivation und Hilfestellung konnte er dazu angeregt werden, Frustrationserfahrungen zu kompensieren und sich Herausforderungen zu stellen.

Deutliche Schwächen zeigten sich insbesondere im Lesen. Zu Beginn der Arbeitsphase konnte er zwar die meisten Laute benennen, das Zusammenfügen der Laute zu einem Wort fiel ihm allerdings sehr schwer. Hinzu kam, dass seine Deutschkenntnisse im Bereich Grammatik und Wortschatz große Lücken aufwiesen. Hierbei war eine individuelle, intensive Unterstützung von höchster Bedeutung. Das intensive Lesen und die speziellen Aufgaben zu Lauterkennung und Wortschatzerweiterung zeigten großen Erfolg. Zum Ende der Schulintegrationshilfe konnte B. Texte ohne große Schwierigkeiten lesen. Dies ermutigte ihn auch dazu, sich mündlich am Unterrichtsgeschehen zu beteiligen, was vorher kaum der Fall war.

Innerhalb der Arbeitsphase wurden die Hauptziele erreicht. Die Fortschritte im sprachlichen Bereich, besonders im Lesen stärkten B.s Selbstwert, so dass er mittlerweile versucht, Herausforderungen nicht mehr aus dem Weg zu gehen und die ihm gestellten Aufgaben konzentriert zu lösen. Er bearbeitet auch schwierigere Aufgaben geduldig und motiviert. Seine Leistungsbereitschaft und Konzentrationsfähigkeit sind deutlich gestiegen, so dass er öfter eigenständig arbeitet. Insbesondere hat B. gelernt, auf seine Stärken zu vertrauen, mit Schwächen, Niederlagen und Schwierigkeiten besser umzugehen und auch mit kleineren Erfolgen zufrieden zu sein. Dies förderte auch seine Integration innerhalb der Klassengemeinschaft, da seine Arbeitshaltung sowie sein Sozialverhalten nicht mehr von Versagensängsten oder Frustrationsgefühlen geprägt wurden. Die Integrationshilfe hat B. die notwendige Unterstützung gegeben, die 2. Klasse voraussichtlich alleine bewältigen zu können.

 

Azar Taheri                                                                                                                          31.07.11

 

2. J., Schüler der Leibnizschule 

 

J. ist ein Schüler aus in der 1. Klasse mit algerischem Migrationshintergrund. J. weist Entwicklungsverzögerungen auf, die sich aufgrund seiner schwierigen familiären Verhältnisse in der Schule zeigen. Er lebte von Geburt an bei seiner Mutter, die ihm wohl wenig Beachtung schenkte und unzuverlässig war. Er ist demnach, ohne familiäre Stabilität aufgewachsen und hat auch nie regelmäßig einen Kindergarten besucht. Aufgrund der gravierenden Missstände, wurde der Mutter das Sorgerecht entzogen. Der Aufenthalt der Mutter ist im Moment unklar und sie hat zurzeit kein Umgangsrecht für J.. Seit über einem Jahr lebt J. bei seinem Vater, dem das Sorgerecht zugesprochen wurde. Dem Vater steht eine Familienhelferin zur Seite, die ihn in erzieherischen und alltäglichen Aufgaben unterstützt. Vater und Sohn sind im ständigen Kontakt mit dem Jugendamt Mainz. Seit J. beim Vater lebt, meldete dieser ihn in einem muslimischen Kindergarten an, den er hin und wieder besuchte. Sein Vater hat wenig deutsche Sprachkenntnisse. Vermutlich kann er weder Schreiben noch richtig Lesen in der deutschen Sprache. J. Vater scheint um seinen Sohn sichtlich bemüht, dennoch ist er aufgrund seiner Situation, die auch durch Arbeitslosigkeit und finanzielle Belastungen geprägt ist, überfordert.

J. hat keine Erziehung im klassischen Sinn erfahren. Struktur erfährt er in der Schule und am Nachmittag nach dem Schulunterricht, an dem er einen Kinderhort besucht, in dem er Hausaufgaben macht und oftmals bis 18:00 Uhr betreut wird.

 

J. ist ein sehr sensibles und liebevolles Kind mit gutem Sozialverhalten. Er versteht sich gut mit seinen Mitschülern. Er wird von den anderen respektiert und ist in die Klasse integriert. J. verhält sich anderen Kindern gegenüber gerecht und hilfsbereit. Bei Streitereien zwischen anderen Kindern mischt er sich oft ein und versucht zu schlichten, was ihm nicht immer gelingt.

Bei der Bewältigung von Konflikten benötigt er Beistand. J. besitzt eine sehr geringe Frustrationstoleranz. In Situationen, in denen er sich angegriffen oder geärgert fühlt, kommt es schnell zu Eskalationen. Er schimpft dann laut und fängt oft an zu weinen. Er ist in der Lage sich den Lehrern oder Vertrauenspersonen anzuvertrauen und mitzuteilen.

 

J. weist eine Entwicklungsverzögerung und schulische Leistungsrückstände auf. Er hatte große Lücken im Lesen, Schreiben und Rechnen. Dadurch ist er immer mehr in Rückstand geraten und konnte mit seinen Mitschülern nicht mithalten. Inzwischen kann J. sehr gut lesen. Er liest ganze Sätze, sogar Aufsätze in Leseheften, sehr flüssig und fast fehlerfrei. Das Lesen bereitet ihm große Freude. Er hat darin zunehmend Erfolg und genießt es, wenn man ihn lobt. Er ist dann sehr stolz und weiterhin motiviert und bemüht.

Das Schreiben bereitete J. anfangs noch große Probleme. Da er in der Feinmotorik große Schwierigkeiten hat und er sehr schnell schreibt, ist seine Schrift sehr unordentlich und schlecht lesbar. Durch kontinuierliches feinmotorisches Üben und langsameres Schreiben hat J. mittlerweile eine schöne und leserliche Schrift. Das Schreiben fällt ihm nicht mehr schwer und er ist im Verfassen von Wörtern und Sätzen mutiger und einfallsreicher geworden. Manchmal kommt es vor, dass er einen Buchstaben falsch herum schreibt.

J. konnte bis zur zweiten Hälfte des Schuljahres seinen Namen nicht richtig schreiben. Durch dauerhaftes Üben, gelingt es ihm mittlerweile ihn richtig zu schreiben. Darauf ist er besonders stolz, da er alle seine Tests oder gemalten Bilder mit seinem Namen in korrekter Schreibweise versehen kann.

Im Rechnen weist J. große Lücken auf. Ihm fällt es sehr schwer, sich Rechenwege zu merken, um auf ein richtiges Ergebnis zu kommen. Rechenaufgaben konnte er anfangs nur mit meiner Hilfe lösen. Inzwischen gelingt es ihm Aufgaben eigenständig zu lösen, aber nur anhand von Rechenhilfen (z.B. Rechenschiffchen). Er war oft frustriert über falsche Ergebnisse oder Mathetests, die schlecht ausfielen. Durch die Überforderung und die fehlenden Erfolgserlebnisse war er oft nur schwer zum Rechnen zu motivieren. Ihn dann zu motivieren ist sehr zeitaufwendig, mühsam und gelingt nicht immer.

Im Laufe meiner Tätigkeit, wurde ein Intelligenztest durchgeführt, der ergab, dass J. eine geringe Intelligenz besitzt.

Anfänglich war J. fast ausschließlich auf meine Hilfe angewiesen. Mit der Zeit habe ich es vermieden, permanent in seiner Nähe zu sein, und forderte ihn auf -besonders bei Aufgaben, die er alleine lösen konnte- eigenständig zu arbeiten. Oftmals war er dadurch frustriert, überfordert und forderte meine Hilfe ein. Wenn ich diese verweigerte, schrieb er häufig bei seiner Sitznachbarin ab. Durch viel Lob und Motivation zum eigenständigen Arbeiten, hat J. mehr Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten bekommen.

 

Durch die starke Überforderung seitens des Vaters, erschien J. sehr häufig zu spät zum Unterricht. Oftmals fehlte er unentschuldigt, war nicht abgemeldet oder äußerte, sie hätten verschlafen. Dadurch summierte sich Unterrichtsstoff, der J. fehlte und den er, aufgrund seines langsamen Tempos, kaum nacharbeiten konnte.

Ihm fehlten oftmals Arbeitsmaterialien und das Frühstück, was er bei seinen Mitschülern erbat, die ihm gerne aushalfen.

Da er nie kontinuierlich in einen Kindergarten gegangen ist, fehlten ihm viele Grundkenntnisse und Fertigkeiten, die er in der Schule benötigte (wie etwa Basteln- mit der Schere etwas ausschneiden, Malen- realitätsferne Bilder, die sehr unordentlich gemalt waren). Durch meine Hilfestellung und vermehrtes Üben, konnte sich J. Feinmotorik in diesen Fertigkeiten verbessern. Er kann ordentlicher ausschneiden und malt gewissenhafter mit mehr Freude.

J. weist eine große Konzentrationsschwäche auf, was das gesamte Unterrichtsgeschehen erschwerte. Er kann kaum auf seinem Sitzplatz sitzen bleiben und rief oft in den Unterricht rein, anstatt sich zu melden. Dadurch, dass ich mich in unmittelbarer Nähe aufhielt, konnte ich gut intervenieren. Ich hielt ihn oft an sitzen zu bleiben und wenn er rein rief, machte ich ihn auf das Melden aufmerksam. In belasteten Situationen, wie z.B. eine anstehende Reise in das Heimatland Algerien, war J. besonders auffällig, unkontrolliert und sehr unsicher. Zu diesen Zeitpunkten war es besonders wichtig, viel mit ihm zu reden, ihn zu beruhigen und ihm Aufmerksamkeit zu schenken.

J. lies sich schnell von Mitschülern und besonders von seinen Sitznachbarn ablenken. Einige Male setzte ich ihn um, damit er konzentriert dem Unterricht folgen konnte. Dies hat sich als sinnvoll bewehrt.

J. muss viele Dinge, die eigentlich zum Aufgabenbereich des Vaters gehören, selbst übernehmen und muss einige Entscheidungen schon für sich selbst treffen. Ebenfalls erzählte er mir, dass er manchmal alleine zu Hause wäre. In der Schule gibt er diese Verantwortung ab und ist gerne Kind. In Phasen der Überforderung fing er oft an zu weinen und lies sich nur durch besonders viel Zuwendung beruhigen. Sein Weinen ähnelte dem, eines Kleinkindes.

 

Zusammenfassend ist zu sagen, dass J. durch diese gesonderte und intensivierte Aufmerksamkeit und Betreuung am Unterricht teilnehmen konnte, ohne zu kurz zu kommen. Dadurch hatte er die Möglichkeit, nach seinem Tempo, kontinuierlicher und eigenständiger zu arbeiten und gewisse Fähig- und Fertigkeiten zu erlernen. Dies wäre ohne zusätzliche Unterstützung und Förderung, zeitlich nicht möglich gewesen. Um ihm einen guten schulischen Werdegang zu ermöglichen, hätte es sicherlich noch mehr Hilfebedarf in einem größeren Zeitrahmen erfordert.

 

Lea Rennette                                                                                                05.08.11

 

 

3. Y., Schülerin der Ludwig-Schwamb-Schule

Y. (7Jahre) ist ein Mädchen, deren Wurzeln in Kamerun liegen.

Zu Beginn der Maßnahme hatte Y. häufig Konzentrationsschwierigkeiten und sie wirkte sehr lustlos. Des Weiteren ließ sie sich schnell von ihren Mitschülern ablenken und träumte oftmals vor sich hin. Das hatte zur Folge, dass sie wichtige Ansagen der Lehrerin nicht wahrnahm und dem Unterricht nicht richtig folgen konnte. Dadurch verpasste sie wichtige Aufgabenstellungen und Erklärungen der Lehrerin, was dazu führte, dass sie Schwierigkeiten hatte, die Aufgaben richtig zu lösen.

Sie neigte dazu schnell aufzugeben und hatte nicht viel Durchhaltevermögen. Ihr Sozialverhalten hingegen war sehr positiv ausgeprägt, was sich darin äußerte, dass sie gerne teilt und viele Spielkameraden hatte, mit denen sie gemeinsam friedlich die Pausen verbrachte. Darüber hinaus waren die Deutschkenntnisse von Y. von Anfang an sehr gut.

Die Schulintegration war eine gute Chance, Y. zu motivieren und auftretenden Frustrationen entgegenzuwirken. Durch die Integrationshelfer bekam sie ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit, was ihr auch sichtlich gut getan hat. Im Laufe der Zeit, konnte Y. sich immer länger konzentrieren und Herausforderungen einigermaßen gut bewältigen.

Schwierigkeiten im schulischen Bereich traten hauptsächlich in Mathe auf. Y. hatte oft keine Lust sich mit den Aufgaben zu beschäftigen und sie zu lösen. Wenn man jedoch mit ihr gemeinsam die Aufgaben durchgesprochen hat, dann verstand sie schnell.

In Deutsch war das Mädchen interessierter als in Mathe. Lesen hat sie sehr schnell gelernt und konnte zu Schuljahresende, als es Lesenoten gab, sogar am besten aus der ganzen Klasse lesen. Schreiben hat sie auch zügig gelernt, wobei sie immer sehr langsam die einzelnen Buchstaben aufschrieb. Jedoch war ihre Schrift überwiegend sehr ordentlich. Allgemein ist Y. clever und arbeitet auch meistens sehr gewissenhaft. Sie begründete ihre Unlust öfter damit, dass sie sehr müde sei, da sie im Laufe des Schuljahres nach Rüsselsheim gezogen ist und daher gegen 6.00 Uhr morgens aufstehen musste.

Die Schulintegration war dabei behilflich sie überhaupt zum Arbeiten zu motivieren. Dies gelang auch im Laufe des Schuljahres immer besser. Zum Ende jedoch ist das Kind wieder in alte Muster zurückgefallen. Es war teilweise ein richtige Herausforderung sie zum arbeiten zu bringen.

Dies ist indes nachvollziehbar, da Y. und ihre Mutter am letzten Schultag der Klasse und der Lehrerin mitteilten, dass die Familie wieder zurück nach Afrika gehen und Y. nach den Sommerferien nicht mehr die Ludwig-Schwamb-Schule besuchen werde. Es gab zwar Andeutungen über den Umzug, jedoch hatten weder Y. noch ihre Mutter gegen Ende des Schuljahres deutlich ausgesprochen, dass sie wieder in ihre Heimat ziehen würden.

Insgesamt hat Y. in ihrem ersten Schuljahr eine solide Grundausbildung erhalten. Die Schulintegration hat sie dahingehend unterstützt, dass sie die Aufgaben, die ihr gestellt wurden auch bewältigt werden konnten. Zwar langsamer als bei anderen Mitschülern, aber sie hat es geschafft. Die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit hat sich allgemein auch sehr gesteigert und Y. weiß insgeheim, wie wichtig eine gute Schulbildung für ihre Zukunft ist.  

 

Amelie Meyer                                                                                                                      31.07.11

 

 

 

 

Alle drei Texte wurden mit der Zustimmung und in inhaltlicher Zusammenarbeit mit den jeweiligen Klassenlehrerinnen verfasst.

 

 

Mit freundlichen Grüßen



 

Gez. Sonja Pfleger                                                                                      gez. Klaus Friedrich

Teamleiterin                                                                                                 Regionalleiter

 

Die Namen der Kinder wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen abgekürzt.

 

B., Schüler der Feldbergschule

J., Schüler der Leibnizschule

Y., Schülerin der Ludwig-Schwamb-Schule