J., Schüler der Leibnizschule

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J. ist ein Schüler aus in der 1. Klasse mit algerischem Migrationshintergrund. J. weist Entwicklungsverzögerungen auf, die sich aufgrund seiner schwierigen familiären Verhältnisse in der Schule zeigen. Er lebte von Geburt an bei seiner Mutter, die ihm wohl wenig Beachtung schenkte und unzuverlässig war. Er ist demnach, ohne familiäre Stabilität aufgewachsen und hat auch nie regelmäßig einen Kindergarten besucht. Aufgrund der gravierenden Missstände, wurde der Mutter das Sorgerecht entzogen. Der Aufenthalt der Mutter ist im Moment unklar und sie hat zurzeit kein Umgangsrecht für J.. Seit über einem Jahr lebt J. bei seinem Vater, dem das Sorgerecht zugesprochen wurde. Dem Vater steht eine Familienhelferin zur Seite, die ihn in erzieherischen und alltäglichen Aufgaben unterstützt. Vater und Sohn sind im ständigen Kontakt mit dem Jugendamt Mainz. Seit J. beim Vater lebt, meldete dieser ihn in einem muslimischen Kindergarten an, den er hin und wieder besuchte. Sein Vater hat wenig deutsche Sprachkenntnisse. Vermutlich kann er weder Schreiben noch richtig Lesen in der deutschen Sprache. J.s Vater scheint um seinen Sohn sichtlich bemüht, dennoch ist er aufgrund seiner Situation, die auch durch Arbeitslosigkeit und finanzielle Belastungen geprägt ist, überfordert. J. hat keine Erziehung im klassischen Sinn erfahren. Struktur erfährt er in der Schule und am Nachmittag nach dem Schulunterricht, an dem er einen Kinderhort besucht, in dem er Hausaufgaben macht und oftmals bis 18:00 Uhr betreut wird.

J. ist ein sehr sensibles und liebevolles Kind mit gutem Sozialverhalten. Er versteht sich gut mit seinen Mitschülern. Er wird von den anderen respektiert und ist in die Klasse integriert. J. verhält sich anderen Kindern gegenüber gerecht und hilfsbereit. Bei Streitereien zwischen anderen Kindern mischt er sich oft ein und versucht zu schlichten, was ihm nicht immer gelingt. Bei der Bewältigung von Konflikten benötigt er Beistand. J. besitzt eine sehr geringe Frustrationstoleranz. In Situationen, in denen er sich angegriffen oder geärgert fühlt, kommt es schnell zu Eskalationen. Er schimpft dann laut und fängt oft an zu weinen. Er ist in der Lage sich den Lehrern oder Vertrauenspersonen anzuvertrauen und mitzuteilen.

J. weist eine Entwicklungsverzögerung und schulische Leistungsrückstände auf. Er hatte große Lücken im Lesen, Schreiben und Rechnen. Dadurch ist er immer mehr in Rückstand geraten und konnte mit seinen Mitschülern nicht mithalten. Inzwischen kann J. sehr gut lesen. Er liest ganze Sätze, sogar Aufsätze in Leseheften, sehr flüssig und fast fehlerfrei. Das Lesen bereitet ihm große Freude. Er hat darin zunehmend Erfolg und genießt es, wenn man ihn lobt. Er ist dann sehr stolz und weiterhin motiviert und bemüht. Das Schreiben bereitete J. anfangs noch große Probleme. Da er in der Feinmotorik große Schwierigkeiten hat und er sehr schnell schreibt, ist seine Schrift sehr unordentlich und schlecht lesbar. Durch kontinuierliches feinmotorisches Üben und langsameres Schreiben hat J. mittlerweile eine schöne und leserliche Schrift. Das Schreiben fällt ihm nicht mehr schwer und er ist im Verfassen von Wörtern und Sätzen mutiger und einfallsreicher geworden. Manchmal kommt es vor, dass er einen Buchstaben falsch herum schreibt.

J. konnte bis zur zweiten Hälfte des Schuljahres seinen Namen nicht richtig schreiben. Durch dauerhaftes Üben, gelingt es ihm mittlerweile ihn richtig zu schreiben. Darauf ist er besonders stolz, da er alle seine Tests oder gemalten Bilder mit seinem Namen in korrekter Schreibweise versehen kann.

Im Rechnen weist J. große Lücken auf. Ihm fällt es sehr schwer, sich Rechenwege zu merken, um auf ein richtiges Ergebnis zu kommen. Rechenaufgaben konnte er anfangs nur mit meiner Hilfe lösen. Inzwischen gelingt es ihm Aufgaben eigenständig zu lösen, aber nur anhand von Rechenhilfen (z.B. Rechenschiffchen). Er war oft frustriert über falsche Ergebnisse oder Mathetests, die schlecht ausfielen. Durch die Überforderung und die fehlenden Erfolgserlebnisse war er oft nur schwer zum Rechnen zu motivieren. Ihn dann zu motivieren ist sehr zeitaufwendig, mühsam und gelingt nicht immer. Im Laufe meiner Tätigkeit, wurde ein Intelligenztest durchgeführt, der ergab, dass J. eine geringe Intelligenz besitzt.

Anfänglich war J. fast ausschließlich auf meine Hilfe angewiesen. Mit der Zeit habe ich es vermieden, permanent in seiner Nähe zu sein, und forderte ihn auf -besonders bei Aufgaben, die er alleine lösen konnte- eigenständig zu arbeiten. Oftmals war er dadurch frustriert, überfordert und forderte meine Hilfe ein. Wenn ich diese verweigerte, schrieb er häufig bei seiner Sitznachbarin ab. Durch viel Lob und Motivation zum eigenständigen Arbeiten, hat J. mehr Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten bekommen.

Durch die starke Überforderung seitens des Vaters, erschien J. sehr häufig zu spät zum Unterricht. Oftmals fehlte er unentschuldigt, war nicht abgemeldet oder äußerte, sie hätten verschlafen. Dadurch summierte sich Unterrichtsstoff, der J. fehlte und den er, aufgrund seines langsamen Tempos, kaum nacharbeiten konnte. Ihm fehlten oftmals Arbeitsmaterialien und das Frühstück, was er bei seinen Mitschülern ergbat, die ihm gerne aushalfen. Da er nie kontinuierlich in einen Kindergarten gegangen ist, fehlten ihm viele Grundkenntnisse und Fertigkeiten, die er in der Schule benötigte (wie etwa Basteln- mit der Schere etwas ausschneiden, Malen- realitätsferne Bilder, die sehr unordentlich gemalt waren). Durch meine Hilfestellung und vermehrtes Üben, konnte sich J.s Feinmotorik in diesen Fertigkeiten verbessern. Er kann ordentlicher ausschneiden und malt gewissenhafter mit mehr Freude.

J. weist eine große Konzentrationsschwäche auf, was das gesamte Unterrichtsgeschehen erschwerte. Er kann kaum auf seinem Sitzplatz sitzen bleiben und rief oft in den Unterricht rein, anstatt sich zu melden. Dadurch, dass ich mich in unmittelbarer Nähe aufhielt, konnte ich gut intervenieren. Ich hielt ihn oft an sitzen zu bleiben und wenn er rein rief, machte ich ihn auf das Melden aufmerksam. In belasteten Situationen, wie z.B. eine anstehende Reise in das Heimatland Algerien, war J. besonders auffällig, unkontrolliert und sehr unsicher. Zu diesen Zeitpunkten war es besonders wichtig, viel mit ihm zu reden, ihn zu beruhigen und ihm Aufmerksamkeit zu schenken. J. lies sich schnell von Mitschülern und besonders von seinen Sitznachbarn ablenken. Einige Male setzte ich ihn um, damit er konzentriert dem Unterricht folgen konnte. Dies hat sich als sinnvoll bewehrt. J. muss viele Dinge, die eigentlich zum Aufgabenbereich des Vaters gehören, selbst übernehmen und muss einige Entscheidungen schon für sich selbst treffen. Ebenfalls erzählte er mir, dass er manchmal alleine zu Hause wäre. In der Schule gibt er diese Verantwortung ab und ist gerne Kind. In Phasen der Überforderung fing er oft an zu weinen und lies sich nur durch besonders viel Zuwendung beruhigen. Sein Weinen ähnelte dem, eines Kleinkindes.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass J. durch diese gesonderte und intensivierte Aufmerksamkeit und Betreuung am Unterricht teilnehmen konnte, ohne zu kurz zu kommen. Dadurch hatte er die Möglichkeit, nach seinem Tempo, kontinuierlicher und eigenständiger zu arbeiten und gewisse Fähig- und Fertigkeiten zu erlernen. Dies wäre ohne zusätzliche Unterstützung und Förderung, zeitlich nicht möglich gewesen. Um ihm einen guten schulischen Werdegang zu ermöglichen, hätte es sicherlich noch mehr Hilfebedarf in einem größeren Zeitrahmen erfordert.

Lea R*, 05.08.11

 

*Die Namen wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen abgekürzt.